Kurs UMMS 2 Modul III


Das Asperger Syndrom: soziale und emotionale Auswirkungen Modul III: Intervention bei sensorischen und motorischen Problemen bei Menschen mit Asperger Syndrom

Einführung

In diesem Abschnitt schauen wir auf die sensorische Integration als einem Bezugsrahmen für die Intervention bei Betroffenen mit Asperger Syndrom, die Schwierigkeiten bei der sensorischen Verarbeitung zeigen. Wir müssen dabei damit beginnen, die sensorische Integrationstheorie, wie sie von A. Jean Ayres formuliert und von den Fachkräften über die Jahre fortgeschrieben wurde, zu definieren. Wir können dann einen Blick auf die häufigsten Herausforderungen bei der sensorischen Verarbeitung werfen, denen Betroffene mit Asperger Syndrom ausgesetzt sind und wie man am besten diesen Herausforderungen mittels einer auf der sensorischen Integration beruhenden Intervention begegnet.

Sensorische Integration

Die Theorie

A. Jean Ayres definierte sensorische Integration als "die Interaktion und Koordination zweier oder mehrerer Funktionen oder Prozesse auf eine Art und Weise, die die Anpassungsfähigkeit der Reaktion des Gehirns befördert" (S. 25-26). (1) Wir erhalten fortwährend sensorische Informationen sowohl extern aus unserer Umgebung als auch intern von unserem Körper. Das Nervensystem muß dann diese Informationen organisieren und interpretieren und entscheiden, wie es auf den Input reagiert und wie der Input dazu verwendet werden kann, um die Fähigkeiten zu entwickeln.

Wenn sensorische Informationen eintreffen, werden die meisten von uns eine darauf angepaßte Reaktion ausführen. Ayres definiert "angepaßte Reaktion" dabei als eine "bewußte, zielgerichtete Reaktion auf eine sensorische Erfahrung" (S. 126). (1) Ayres beschrieb die Intervention bei der sensorischen Integration als das "Bereitstellen geplanten und kontrollierten sensorischen Inputs, wobei meist, aber nicht immer, eine damit verbundene angepaßte Reaktion hervorgerufen wird, um die Organisation des Mechanismus des Gehirns zu verbessern" (S. 114). (1) Daher bereitet man, wenn man am Aufbau der Grundlagen des Nervensystems arbeitet, indem man für angemessenen sensorischen Input sorgt, der dabei hilft, daß sich das System entwickelt und wächst, dieses System besser auf das Handeln und darauf, daß es alles richtig kombinieren kann, vor.

Nehmen wir ein Beispiel, wie wir all die verschiedenen Wahrnehmungen, die unser Nervensystem erreichen, zusammensetzen müssen, um eine bewußte Handlung oder eine angepaßte Reaktion ausführen zu können. Die Aufgabe sei das Essen von Erdnußbutter und einem Sandwich mit Marmelade. Stellen Sie sich einen Moment vor, Sie wären in Ihrer Küche und vor Ihnen auf dem Tisch würde eine Erdnußbutter und ein Marmeladesandwich stehen. Zuerst bekommen wir diesen Sinneseindruck durch unsere Augen und unser visuelles System. Wie sieht das Sandwich aus? Spricht es das Auge an oder sieht es aus wie etwas, das wir lieber nicht essen? Ist das Brot frisch oder schon verschimmelt und schlecht? Dann bekommen wir die Informationen durch das Geruchssystem, wie das Sandwich riecht. Gefällt uns der Geruch der Erdnußbutter, oder ist es der Nase zuviel, so daß wir den Kopf abwenden und das Sandwich weglegen? Wissen wir, wie es riecht? Können wir die Erdnußbutter und die Marmelade überhaupt riechen? Riecht es gut oder eher wie eine Marke, die wir nicht so mögen? Wenn wir zu dem Schluß kommen, daß das Sandwich gut aussieht und angenehm riecht, erhalten wir die Berührungsinformation über unsere Hände, wenn wir das Sandwich anfassen. Wie fühlt sich das Sandwich an? Ist es eher fest wegen der Erdnußbutter? Vielleicht mögen wir das Gefühl von Erdnußbutter auf der Hand nicht und wissen daher, daß wir sie auch nicht gerne im Mund fühlen wollen. Wir müssen auch die Größe und Form des Sandwiches in Erwägung ziehen, damit wir wissen, wie wir das Sandwich in der Hand halten müssen, ohne es zu fest zu halten, so daß es nicht zerdrückt wird, aber auch nicht zu locker, damit es nicht herunterfällt. Sobald wir es in der richtigen Weise in die Hand genommen haben, müssen wir das Sandwich zum Mund bewegen. Um das zu tun, müssen wir ermessen, wo unser Mund sich in unserem Gesicht befindet, und das Sandwich vom Tablett zu unserem Mund bringen, ohne das Ziel nach oben oder unten zu verfehlen und unsere Nase, unser Kinn oder unsere Wangen zu treffen. Daher müssen die Muskeln und die Gelenke in unseren Händen und Armen die Informationen korrekt verarbeiten, damit wir wissen, wie weit wir das Sandwich zu unserem Mund anheben müssen. Dann müssen wir unseren Mund öffnen, um vom Sandwich abzubeißen. Während dies geschieht, nehmen wir weiterhin Informationen über unsere Augen, Hände, die Nase, die Muskeln und Gelenke auf. Während wir daran gehen, vom Sandwich abzubeißen, erhalten die Geruchsrezeptoren in der Nase und die Geschmacksrezeptoren im Mund jede Menge Informationen über Geruch und Geschmack des Essens. Wenn wir dann schließlich vom Sandwich abbeißen, muß sich unser Mund öffnen und unsere Zähne müssen tief genug beißen, um ein Stück von dem Sandwich abreißen zu können. Während dies geschieht, befindet sich die Zunge in der richtigen Position und beginnt damit, das Essen zu probieren. Wie schmeckt es? Ist es für den Gaumen angenehm oder schmeckt es so, daß wir es gleich wieder ausspucken wollen? Wie ist die Konsistenz - weich, hart, glatt, grobkörnig, knusprig oder klumpig? Welche Temperatur hat es - heiß, warm, kühl oder kalt? Ist die Temperatur im sicheren Bereich, damit wir uns den Mund nicht verbrennen? Sobald wir wissen, wie es schmeckt und welche Konsistenz und Temperatur es hat, entscheiden wir, was wir damit tun. Muß es gekaut werden oder können wir es gleich hinunterschlucken? Wenn wir es erst kauen müssen, müssen wir erst überlegen, wie wir es zu den Zähnen befördern und wie lange wir kauen müssen, ehe wir es hinunterschlucken können. Die Muskeln und Nerven in Mund und Kiefer erhalten die Informationen über die Größe, Konsistenz und Form des Essens. Auch die Zunge arbeitet mit, um das Essen zu bewegen und es dorthin zu drücken, wo es hinmuß. Wenn alles miteinander koordiniert und zusammengesetzt wird, nehmen wir einfach die Erdnußbutter und das Marmeladesandwich, beißen ab, kauen und schlucken es hinunter.

An diesem Beispiel sehen Sie den komplizierten Prozeß, mit dessen Hilfe die sensorische Integration einfach "alles zusammensetzt". Ein Sandwich zu essen ist etwas, was die meisten von uns tun, ohne dabei auch nur einen Moment nachzudenken. Wir kennen das und denken nicht über all die Dinge, die oben erwähnt wurden, beim Essen nach, wir führen die Handlung einfach aus. Für diejenigen aber, die Schwierigkeiten bei der Verarbeitung sensorischer Informationen und damit, das alles zusammenzusetzen, haben, stellen diese Aufgaben eine viel größere Herausforderung dar, die viel weniger natürlich und oft alles andere als angenehm ist. Wie wir oben gesehen haben, sind alle Sinne bei der Aufgabe des Essens beteiligt. Wir kennen die fünf Sinne: den Gesichts-, Hör-, Tast-, Geruchs- und Geschmackssinn. Es gibt aber noch zwei Sinne, die weniger bekannt sind. Dabei handelt es sich um den propriozeptiven und den vestibulären Sinn. Im nächsten Abschnitt werden wir diese sieben Sinne näher besprechen.

Die fünf Sinne und die beiden versteckten Sinne

SinnOrganWahrnehmung
Tastsinn/TaktilHautBerührung
Gehörsinn/AkustischOhrGeräusch
Gesichtssinn/VisuellAugeAnblick
Geruchssinn/OlfaktorischNaseGeruch
GeschmackssinnMund, ZungeGeschmack
Vestibular/GleichgewichtssinnGleichgewichtsorgan im InnenohrBewegung, Kopfhaltung, Lage im Raum
Propriozeptiver SinnMuskeln und NervenKörpergefühl, Körperhaltung


Jetzt kennen wir die sieben Sinne, wir können erkunden, wie sie den sensorischen Input aufnehmen, darauf reagieren und diesen für die Entwicklung der Fähigkeiten nutzen. Obwohl die meisten den Prozeß der sensorischen Integration als einen Rückkopplungsprozeß ansehen, mag es für den Zweck dieses Kurses genügen, wenn wir bei der Erklärung des Prozesses und der verwendeten Terminologie einen eher linearen Ansatz wählen. Es ist allerdings wichtig, sich während des folgenden Abschnittes des Rückkopplungsmodells bewußt zu bleiben.

Modulation

Modulation ist die Fähigkeit des Nervensystems, verschiedene interne und externe sensorische Reize aufzunehmen und zu regulieren. Die aktuellste Definition in bezug auf die sensorische Modulationstörung stammt von Miller und Summers:
"Sensorische Modulationsstörung ist ein Problem bei der Fähigkeit, das Maß, die Intensität und die Art der Reaktion auf einen Input auf abgestufte und angepaßte Art und Weise zu regulieren und zu organisieren, so daß die optimale Bandbreite der Wahrnehmungen, die notwendig ist, um sich den Herausforderungen des Lebens anzupassen, gestört ist" (S. 247). (6)

An dieser Definition sehen wir, daß die Art, in der wir den Input, der über unsere Sinne hineinkommt, modulieren, stark unseren allgemeinen Erregungszustand und unser allgemeines Befinden beeinflußt. Wenn wir ein optimales Erregungsniveau haben, dann hat unser Nervensystem die hereinkommenden sensorischen Reize erfolgreich wahrgenommen, interpretiert und darauf reagiert. Wir sind wachsam, konzentriert, ruhig, lernbereit und bereit, mit der Umwelt um uns herum zu interagieren.

Wenn wir ein niedriges Erregungsniveau besitzen, vermindert das Nervensystem die Reaktion auf den eingehenden sensorischen Input und reagiert daher nicht so schnell, oder überhaupt nicht, auf den Input. Menschen mit einem niedrigen Erregungsniveau finden es schwer, wachsam und konzentriert zu bleiben, sie streben nach einem vermehrten Input, um diesen besser registrieren und darauf reagieren zu können. Sie sind manchmal schwer zu motivieren, kommen nicht so leicht in Gang, oder aber sie befinden sich ständig in Bewegung. Stellen Sie sich beispielsweise einmal vor, Sie seien in einer Vorlesung und hätten in der Nacht zuvor nur drei bis vier Stunden geschlafen. Ihr gesamtes System wäre so übermüdet, daß es Ihnen schwerfallen würde, zuzuhören, aufrecht im Stuhl zu sitzen, ein Schreibgerät zu benutzen oder auch nur überhaupt wach zu bleiben. Das Licht im Raum ist nicht sehr hell, Ihr Sitz ist vielleicht bequem, Sie lehnen sich zurück und der Redner spricht mit sehr monotoner Stimme. Sie versuchen an diesem Punkt vielleicht alles, um wach zu bleiben. Etwa indem Sie mit den Füßen tippen, auf dem Stift herumkauen, etwas Kühles trinken oder indem Sie immer wieder aufstehen und sich strecken.

Menschen mit einem hohen Erregungsniveau reagieren oft auf sensorische Reize mit einer starken Reaktion, oft in der Form Angriff-Flucht-Angriff. Sie flüchten vor dem sensorischen Input und suchen sich einen kleineren, ruhigeren Raum, um einem zu großen Input aus dem Weg zu gehen, oder sie können vor Angst schreien, wenn sie mit zuviel sensorischem Input konfrontiert sind. Manchmal werden Menschen aggresiv, wenn sie mit einem Übermaß an sensorischen Reizen umgehen müssen und sie schlagen auf die Person oder das Objekt ein, das den Input verursacht. Sie finden es manchmal auch schwer, in einer unruhigeren Umgebung, wie etwa einem Lebensmittelgeschäft, einem Einkaufszentrum, bei einem gemeinschaftlichen Zusammentreffen oder in der Schulcafeteria konzentriert und ruhig zu bleiben. Stellen Sie sich vor, Sie säßen wieder in dieser Vorlesung, nun aber hatten Sie einen sehr stressigen Morgen, als Sie sich bereit für den Tag gemacht haben und aus dem Haus gegangen sind. Ihr Auto ist nicht gleich angesprungen, dann sind Sie in einen Stau geraten und schließlich fällt Ihnen ein, daß Sie ihr Portemonnaie zu Hause liegengelassen haben und daß es zu spät ist, zurückzufahren und es zu holen. Jetzt sitzen Sie also in dieser Vorlesung, und draußen direkt vor dem Fenster fängt ein Bauarbeiter an, mit seinem Preßlufthammer zu arbeiten. Dann beginnen auch noch die Neonlampen vor Ihnen zu blinken, und das brummende Geräusch der Lampen fängt an, Sie zu nerven. Der Tisch, an dem Sie arbeiten, wackelt, wenn Sie sich darauf stützen, und zuguterletzt sitzt hinter Ihnen jemand, der ständig alles wiederholt, was der Redner vorne laut sagt. An diesem Punkt wird es Ihnen wahrscheinlich schwerfallen, darauf zu achten, was der Redner sagt, was es für Sie nur noch schwerer macht, es in dieser Umgebung auszuhalten. Sie wollen vielleicht am liebsten aufstehen und den Raum für ein oder zwei Minuten verlassen, tief durchatmen oder sich sonstwie entspannen, indem Sie etwa einen Kaugummi kauen oder einen "Ball für den Streßabbau" oder etwas in der Art drücken.

Wir alle haben im Tagesverlauf Höhen und Tiefen in unseren Erregungsniveaus. Die meisten von uns schaffen es aber, durch einige der erwähnten Strategien ein angemessenes Erregungsniveau beizubehalten, um effektiv mit der Umwelt interagieren zu können. Menschen, die Schwierigkeiten damit haben, ein angemessenes Erregungsniveau beizubehalten, verbringen mehr Zeit in einem zu hohen oder zu niedrigen Erregungszustand, und sie werden ständig versuchen, Input anzustreben oder ihm aus dem Weg zu gehen und den Input irgendwie zu regulieren.

Es folgen Ausschnitte aus Kenneth Halls Buch "Asperger Syndrome, the Universe and Everything", die die Schwierigkeiten bei der Modulation des sensorischen Inputs beschreiben. Kenneth Hall ist ein junger Mann mit der Diagnose Asperger Syndrom.

"Was ich nicht mag sind Menschenmengen. Den Klassenraum zum Beispiel haßte ich furchtbar. Der Lärm nervte mich. Damals war das Geräusch plaudernder Kinder für mich, als würde in meinen Ohren Dynamit explodieren. ... Ich glaube, Leute mit AS erleben die Dinge anders. Sie sind wahrscheinlich sehr empfindlich. Was mich angeht, ist eine verrückte Sache, daß ich offenbar immun gegen bestimmte Schmerzen bin. Neulich hatte ich zum Beispiel in der Nacht gebrochen und habe das erst am nächsten Morgen gemerkt. Dann kommt es auch wieder vor, daß ich Dinge besonders intensiv erlebe. .. Ich bin sehr empfindlich, was meine Haare angeht. Ich kann es nicht ausstehen, wenn sie meine Stirn berühren. Was ich sehr oft gemacht habe, war, immer und immer wieder den Kopf hin und her zu schütteln. Das war genau wegen dem Problem mit den Haaren. ... Ich bin auch zum Friseur gegangen, aber am Ende habe ich's bei dem überhaupt nicht mehr ausgehalten. Ich glaube, der hat mich mit Absicht mit den Scheren geschnitten. ... Was ich am fuchtbarsten finde, ist, etwas Neues zu probieren. Es gibt kaum was an Essen, was ich mag. Besonders hasse ich Essen, in denen Brocken oder Stückchen sind oder auch alles, was vermischt ist, zum Beispiel Käse und Brot vermischt bei einem Käsesandwich oder vermischte Farben beim Essen. Manchmal fällt es mir leichter zu essen, wenn man mich alleinläßt. Das meiste Essen fühlt sich furchtbar an. Kartoffelbrei zum Beispiel. Das ist wie Papier, das man in Wasser taucht. Es fühlt sich an wie Pappmachee, das wie eine Skulptur in jeden Spalt meines Munds geht. .. Ich hasse rauhen Stoff auf der Haut, Wolle zum Beispiel, und ich mag es nicht, wenn Aufkleber bei mir auf der Haut kleben." (S. 44-49). (4)

Kenneth spricht auch von einigen Strategien, die er benutzt, um sich zu entspannen, wenn er sich von seiner Umgebung überwältigt fühlt: "Ich schlafe nachts gern in einem Schlafsack, das mach ich fast immer. Sogar am Tag bin ich so oft es geht in meinem geliebten Schlafsack. Mein Schlafsack fühlt sich genial an, der ist so flauschig. Der Stoff ist einfach optimal. In meinem Mund fühlen sich Pringles am besten an, weil die laut und knusprig sind, und ich trinke gerne aus einem Strohhalm. Ich mag auch das Gefühl der elektrischen Zahnbürste in meinem Mund und die Gummihandschuhe beim Zahnarzt. Ich bin gern allein. Ich bin am liebsten die meiste Zeit allein, und ich hasse die Menschenmengen, wenn irgendwo was los ist. Ich bin auch nicht unbedingt besonders scharf drauf, daß Fremde zu mir nach Hause kommen. Was mich auch nervt ist das Plaudergeräusch, wenn viele Leute zusammen sind. Wenn mich was nervt, dann hilft es, wenn ich mich zurückziehe" (S. 32, 47-49). (4)

Unterscheidungsfähigkeit

Nachdem das Nervensystem den sensorischen Input aus der Umgebung registriert und darauf reagiert hat, kann es damit beginnen, diese Informationen zum Zweck der Entwicklung der Fähigkeiten zu nutzen. Dieser Prozeß nennt sich Sensorische Unterscheidungsfähigkeit. Die sensorische Unterscheidungsfähigkeit stellt die Verarbeitung des sensorischen Inputs zum Zweck der Verbesserung der Fähigkeiten dar. Untersuchen wir jedes der sensorischen Systeme getrennt und sprechen wir darüber, wie wir auf sie reagieren und welche Fähigkeiten für die Entwicklung verantwortlich sind.

Tastsinn

Der Berührungs-Input, der durch die Hautrezeptoren in den Körper gelangt, bietet Informationen über die Größe, Form und Oberfläche von Objekten. Beispielsweise wäre jemand, der seine Hand in seine Hosentasche steckt und darin verschieden Objekte erfühlen würde, in der Lage, eine Münze von einem Schlüssel zu unterscheiden, auch ohne den visuellen Sinn zu benutzen, weil wir vorher in unserer Erfahrung den Anblick mit der Berührungsempfindung abgeglichen haben. Daher paßt sich unsere Hand automatisch beim Greifen verschiedenen Objekten, etwa Tassen, Besteck, Schreibgeräten etc. an. Unsere Füße können den Unterschied zwischen einem Teppichboden und einem harten Untergrund oder zwischen einer runden Leitersprosse oder einer rechteckigen Stufe bestimmen. Unser Mund fühlt den Unterschied zwischen knusprigem Essen und glattem Essen. Daran erkennen wir, wie wichtig die taktile Unterscheidungsfähigkeit ist, um Handlungen im Alltag erfolgreich ausführen und funktionale Fähigkeiten entwickeln zu können.

Propriozeptiver Sinn

Wie wir oben besprochen haben, stammt der propriozeptive Input von den Muskeln und den Nerven des Körpers. Er gibt uns Informationen über die Lage des Körpers im Raum und über das Maß an Kraft, das wir aufwenden müssen, wenn wir Werkzeuge benutzen. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Sie würden mit einem Einkaufswagen durch einen vollen Lebensmittelladen manövrieren. Unsere propriorezeptiven Rezeptoren interpretieren die eingehenden Informationen dahingehend, wie wir den Wagen besser manövrieren können. Wir wissen dann, wie stark wir schieben müssen, damit er sich vorwärts bewegt, und wie fest wir verschiedene Objekte drücken müssen, etwa verschieden Früchte und Gemüsesorten, damit wir sie nicht fallen lassen oder zerdrücken. Das alles passiert gleichzeitig, und wir sind uns kaum dessen bewußt, bis etwas falsch läuft und wir in einen Stapel Äpfel fahren und sie alle auf dem Boden landen.

Menschen mit dem Asperger Syndrom versuchen oft, den Input für ihren Körper stark zu erhöhen, um mehr Informationen darüber zu erhalten, wo sich ihr Körper im Raum befindet. Kenneth Hall schreibt dazu: "Ich liebe es, wenn's beim Toben heftig wird und man stolpert, und ich klettere auch gern auf die Schultern von Chris. Es hört sich vielleicht etwas blöd an, aber ich mag's auch, wenn man mich fest drückt" (S. 42). (4)

Gleichgewichtssinn

Der vestibuläre Sinn nimmt die Informationen aus dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr auf. Er sorgt dafür, daß wir wissen, wo sich unser Kopf im Verhältnis zur Schwerkraft befindet. Daher ist er direkt dafür verantwortlich, daß wir die Geschwindigkeit und Richtung einer Bewegung erkennen. Er trägt auch dazu bei, daß wir unser Gleichgewicht halten, daß wir eine stabile Haltung bewahren und daß wir die Fähigkeiten unserer Augenmotorik entwickeln (indem wir Objekten folgen, Objekte am Rand wahrnehmen und mit unseren Augen ein stillstehendes oder sich bewegendes Objekt erkennen). Neben dem propriozeptiven und dem visuellen System ist das vestibuläre System für eine sichere und effektive Bewegung in unserer Umgebung verantwortlich. Wenn das vestibuläre System ordnungsgemäß funktioniert, dann können wir stehen, sitzen, uns bewegen, ohne daß wir das Gleichgewicht verlieren und hinfallen. Wir können, während wir uns bewegen, die Umgebung nach Gegenständen absuchen, die uns im Weg sind. Wir können uns auch selbst schützen, wenn wir unser Gleichgewicht verlieren und fallen. Stellen Sie sich vor, Sie seien draußen in einem Boot, es ist ein Tag mit einer leichten Brise und dem Geruch des Meeres. Ihr Vestibularsinn stellt die Richtung der Bewegung Ihres Kopfes fest und gibt Ihnen Informationen über die Geschwindigkeit des Bootes. Während dies passiert, hilft Ihnen das Vestibularsystem dabei, abzuschätzen, wie Sie sich am besten bewegen und das Gleichgewicht halten, während Sie im Boot vom Heck zum Bug gehen. Wenn das Boot etwas schaukelt und Ihr Körper mit, dann sendet das Vestibularsystem Signale, die dem Körper dabei helfen, sich geradezuhalten und so zu balancieren, daß Sie nicht umfallen.

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Manche Menschen mit Asperger Syndrom versuchen, sich möglichst viel zu bewegen, um mehr Informationen für ihr Vestibularsystem zu bekommen. Kenneth Hall schreibt dazu: "Mir fällt es oft schwer, ruhig zu bleiben, und ich hab jede Menge Energie. Im Flur mach ich Stunts, dadrin bin ich gut. Oft höre ich gar nicht mehr auf, zu springen und mich zu drehen. ... Ich springe auch gern auf den Möbeln rum. Das mach ich so etwa alle halbe Stunde oder sogar alle fünfzehn Minuten, wenn ich kann. Manchmal wird mir richtig schwindlig, das mag ich" (S. 42). (4)

Hörsinn

Nachdem die Rezeptoren im Ohr verschiedene Geräusche aufnehmen und registrieren, kann ein Mensch zuhören und auf eine Vielzahl akustischer Reize achten. Das bedeutet, daß ein Mensch automatisch jemand beim Reden zuhören und verstehen kann, was er sagt, während zugleich andere äußere Geräusche im Hintergrund zu hören sind. Wenn das akustische System richtig funktioniert, können wir mündliche Anweisungen problemlos aufnehmen, verstehen und darauf reagieren, selbst in einer lauten Umgebung. Erinnern Sie sich beispielsweise einmal an das letzte Mal, als Sie im Theater waren. Stellen Sie sich jetzt einmal vor, Sie sitzen in diesem Theater und die Leute hinter Ihnen flüstern und reden ständig miteinander. Sie sitzen relativ weit von der Bühne entfernt, und es gibt keine Mikrophone. Dann wird es Ihnen sehr schwerfallen, dem Text der Schauspieler zu folgen.

Geschmacks- und Geruchssinn

Die Rezeptoren in der Nase und im Mund sind für das Riechen und Schmecken verschiedener eßbarer und nicht-eßbarer Substanzen zuständig. Beides sind wichtige Systeme, und sie können angenehm sein und uns schützen. Denken Sie beispielsweise an eine Apfeltorte. Das Rezept verlangt nach Zimt, also suchen Sie unter Ihren Gewürzen und greifen etwas heraus, was nach Zimt aussieht. Das Etikett ist abgeblättert, also wissen Sie nicht sicher, ob es Zimt ist oder etwas anderes, was so aussieht wie Zimt, aber zum Beispiel Paprika oder Chili ist. Wenn Ihre Geruchs- und Geschmacksrezeptoren funktionieren, müssen Sie nur einmal dran schnuppern oder kurz probieren, um zu erkennen, ob es Paprika oder Zimt ist. Selbst, wenn es um feinere Unterschiede, wie den zwischen Zimt und Muskat geht, können diese Sinne die Aufgabe meistern. Vielleicht wollen Sie auch wissen, ob genug Salz in Ihrer Hühnersuppe ist oder genug Knoblauch in Ihrer Tomatensoße. Das Feedback, das Sie von Ihren Geschmacks- und Geruchsrezeptoren bekommen, kann Ihnen oft sagen, ob Sie Ihr Essen richtig gewürzt haben.

Verhalten, das eine schlechte sensorische Verarbeitung widerspiegeln kann

Die folgende Übersicht zeigt einige der Verhaltensweisen, die ein Mensch mit Asperger Syndrom auf Grund einer verminderten Fähigkeit zur Modulation oder zur Unterscheidung verschiedener sensorischer Inputs aufweisen kann. Beispielsweise kann ein Kind Herumtoben als eine Möglichkeit anstreben, sein System wachsamzuhalten und neue Fähigkeiten zu entwickeln, während ein anderes Kind das Herumtoben vermeidet, weil es eher "defensiv" ist, was den taktilen Input angeht. Das heißt, ein solcher Mensch hat eine emotionale oder verhaltensmäßige Reaktion auf einen Reiz, die in keinem Verhältnis zum Reiz selbst steht. Diese beiden Beispiele beschreiben eine taktile Fehlfunktion, sind aber Beispiele zweier verschiedener Arten von Fehlfunktionen. Am häufigsten ist, daß Personen, die sensorisch defensiv sind, das Vermeidungsverhalten aus der Übersicht unten aufweisen. Das in der Liste aufgeführte Suchverhalten kann dabei helfen, das allgemeine Erregungsniveau zu verbessern und das Nervensystem besser zu organisieren. Das Suchverhalten kann auch die sensorische Unterscheidungsfähigkeit für ein verbessertes Körperbewußtsein, für die Entwicklung taktiler Fähigkeiten und für die akustische und visuelle Wahrnehmung und Verarbeitung erhöhen. Dies sind nur einige mögliche Verhaltensweisen, und es gibt auf jeden Fall noch andere, die hier nicht erwähnt werden.

Sensorisches SystemSuchverhaltenVermeidungsverhalten  
  Tastsinn  
Ständiges Berühren oder In-den-Mund-Nehmen nicht-eßbarer Dinge Negative Reaktion auf leichte Berührungen
Nimmt Essen an Hand oder um den Mund nicht wahr Vermeidet oder zeigt Unwillen bei täglichen Hygienehandlungen wie Zähneputzen, Waschen, Anziehen
Will gern herumtoben Sehr wählerisch beim Essen
Nimmt Selbstverletzungen wie Wunden nicht wahr   Aggressiv gegenüber anderen
Ständiges Rempeln, Drücken oder Berühren anderer Leute Meidet volle Orte
Hörsinn
  Strebt nach lauter Musik oder Geräuschen   Wird leicht durch Geräusche abgelenkt
Nimmt laute Geräusche nicht wahr Knirscht mit Zähnen oder summt besonders in voller oder lauter Umgebung
Hält sich die Ohren zu bei lauten Geräuschen wie Toilettenspülung, Sirenen, Musik, Staubsauger usw.
Wird durch leise Hintergrundgeräusche abgelenkt wie das Summen von Neonröhren oder des Kühlschranks
Zieht sich an den Ohren, obwohl keine Ohrinfektion vorliegt
Reagiert empfindlich auf hohe Töne
Sehsinn
Wird von Objekten wie Lampen, Mustern usw. visuell angeregtBlinzelt bei hellem Licht oder scheint überempfindlich für Sonnenlicht zu sein
Wird von bestimmten Farben angezogenSpielt am liebsten im Dunkeln
Wird vom Fernsehen angezogenBlinzelt, wenn es puzzelt oder andere hochvisuelle Aufgaben erledigt
Hyperfokussiert auf visuellen InputWird leicht durch visuellen Input abgelenkt
Nimmt kaum Blickkontakt auf
Reibt sich oft die Augen
Gleichgewichtssinn
Ist dauernd in BewegungHöhenangst, Angst vor Aufzügen
Liebt schnelle Fahrten auf dem RummelWird schnell übel beim Autofahren
Liebt schaukeln und findet es schwierig, damit aufzuhörenHat Angst, wenn die Füße den Bodenkontakt verlieren
Springt viel auf Betten oder anderen Oberflächen herumSchaukelt nicht gerne und meidet Spielplätze
Dreht sich viel im KreisMag es nicht, wenn der Kopf nach hinten fällt
Steht gern auf dem KopfMag es nicht zu fallen oder Purzelbäume zu schlagen
Geschmackssinn/Geruchssinn
Strebt nach stark gewürztem oder saurem EssenReagiert abwehrend bei Essen im Mund, besonders bei bestimmten Konstistenzen
Beschnuppert allesReagiert abwehrend auf den Geruch bestimmter Substanzen
Leckt an allemVermeidet neues Essen mit neuen Farben, Konstistenzen oder neuem Geschmack
Meidet Essen mit gemischter Konstistenz wie glattes Essen mit Klumpen
Mag nur knuspriges Essen
Hat einen sehr begrenzten Speiseplan
Zeigt eine starke Vorliebe für eine bestimmte Temperatur beim Essen oder Trinken
Propriozeptiver Sinn
Fällt immer wieder auf den Boden
Masturbiert häufig*Normalerweise vermeiden Menschen nicht generalisiert propriozeptiven Input, da es sich dabei um einen allgemein organisierenden und angenehmen Input für das sensorische System handelt.
Drückt gerne Gegenstände
Tobt gerne herum
Mag gerne anstrengende Aktivitäten wie Hängen, Drücken, Ziehen
Flattert und klatscht viel mit den Händen, knackt mit den Fingern, drückt die Hände zusammen oder stimuliert sich selbst auf andere Weise


Integration der sensorischen Information zur Entwicklung von Fähigkeiten



In diesem Abschnitt schauen wir darauf, was passiert, wenn all die Informationen, die sowohl intern als auch extern aus der Umwelt in unser System gelangen, zusammenkommen und miteinander kooperieren. Die Verbindungen, die innerhalb des Systems und zwischen den Systemen bestehen, erhalten alle Informationen und kommunizieren miteinander, um uns dabei zu helfen, bestimmte Fähigkeiten aufzubauen. Wir werfen einen Blick auf die Praxis, die bilaterale Integration und Sequenzierung, die Haltungs- und Stabilitätskontrolle, die Entwicklung feinmotorischer Fähigkeiten, die visuelle Wahrnehmung und die visuell-motorische Integration.

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Praxis (motorische Planung)

Motorische Planung hat zunächst zur Folge, daß man eine Vorstellung davon entwickelt, was man mit etwas tut, was man zu jemandem sagt oder wie man seinen Körper bewegt. Sobald wir eine Vorstellung entwickelt haben, müssen wir einen Plan über das, was zu tun ist, entwickeln. Schließlich sequenzieren und organisieren wir den Plan und führen ihn aus.

Nehmen wir ein Beispiel, wie wir eine motorische Planung bei einer Aktivität entwickeln. Das Autofahren lernen ist wohl etwas, an das die meisten von uns sich gut erinnern können. Der erste Teil der motorischen Planung ist die Ideenbildung. Wir müssen zuerst die Vorstellung in unserem Kopf ausbilden, daß dieses Auto fahren wird und daß es uns an andere Orte bringen kann, wenn wir verstehen, wie es funktioniert. Wir könnten auf diese Vorstellung kommen, indem wir sehen, wie andere Leute autofahren, indem wir entsprechende Bilder sehen oder indem wir vom Auto hören. Dann müssen wir eine Vorstellung davon bekommen, was wir mit all den Dingen im Auto wie der Kupplung, der Gangschaltung, der Bremse, dem Gaspedal, den Blinkern etc. anfangen können. Wir spielen vielleicht mit den vielen neuen Dingen im Auto herum, die wir bisher nur vom Rücksitz aus gesehen haben. Sobald wir dann eine Vorstellung davon bekommen haben, was all die Dinge im Auto leisten können, müssen wir einen Handlungsplan aufstellen. Dieser Plan würde lauten: einsteigen, den Wagen anlassen, alles so einstellen, wie es eingestellt werden muß - und losfahren! Ist doch einfach, oder? Falsch! Nach der Aufstellung des Plans müssen wir erst jeden der Schritte und jeden Teil des Planes durchgehen (sequenzieren) und sie dann sicher und effektiv ausführen.

Das Ergebnis ist dann, daß wir die Autotür aufschließen und öffnen. Dann setzen wir uns in den Sitz und stellen diesen so ein, daß unsere Füße gut an die Pedale gelangen. Dann stellen wir die Spiegel richtig ein und ebenso das Lenkrad. Danach gehen wir mit den Füßen auf Bremse und Kupplung, stecken den Zündschlüssel ins Zündschloß und drehen ihn herum. Dann können wir die Gangschaltung auf Rückwärtsgang stellen, die Kupplung langsam loslassen und das Gaspedal so betätigen, daß der Motor nicht abgewürgt wird. Sobald das geschafft ist, gehen wir wieder auf die Kupplung und schalten in den ersten Gang. Dann lassen wir die Kupplung wieder langsam los und treten auf das Gaspedal, um den Wagen in Gang zu setzen. Das geht dann so weiter, während wir die Gänge schalten und unseren Wagen durch den Verkehr steuern.

Für Menschen, die einen Wagen mit Handgangschaltung fahren, ist dies ein Beispiel für etwas, was sie jeden Tag mit Leichtigkeit und ohne groß nachzudenken tun. Beim ersten Lernen mußten sie jeden einzelnen Schritt durchgehen und jeden Schritt einzeln üben. Sie haben dabei von ihrem Auto das Feedback bekommen, ob sie richtig schalten oder nicht. Der Motor ist abgewürgt worden, wenn das Gleichgewicht zwischen Kupplung und Gas nicht gefunden worden ist. Sie bekamen auch das Feedback darüber, wie stark sie auf das Gaspedal treten mußten, um das Auto in Gang zu bringen und wie stark sie auf die Bremse treten mußten, damit das Auto anhielt. Sie haben gelernt, wie stark das Lenkrad gedreht werden mußte, um nach links oder rechts zu fahren und wie leicht man das Lenkrad korrigieren mußte, um geradeaus zu fahren.

Meine Erinnerung daran, wie diese Aufgabe bei mir aussah, ist allerdings eine andere. Ich will Sie einmal daran teilhaben lassen, wie es für mich war, als ich als Teenager Autofahren lernte. Obwohl ich kein Asperger Syndrom habe, habe ich eine Reihe sensorischer Integrationsprobleme, besonders im Bereich der Praxis. Für mich war es egal, wieviel Feedback ich bekam, ich bekam es einfach nicht auf die Reihe, wie man mit der Handgangschaltung umging, und bis heute fahre ich nur Autos mit einer Automatik. Ich mußte mich ziemlich anstrengen, um festzustellen, wieviel Kraft ich brauchte, um die Pedale zu betätigen und wann ich die Gangschaltung betätigen mußte. Ich tat mich auch sehr schwer damit, den Griff der Gangschaltung für den jeweiligen Gang in die richtige Position zu bringen. Das lief bei mir nie von allein. Ich weiß noch, wie mein Vater neben mir saß und sagte: "Merkst du es nicht, jetzt mußt du die Kupplung loslassen - nein, warte, nicht so schnell, du würgst den Motor ab." Ich hatte Angst, mit einem anderen Wagen zu fahren, weil ich fürchtete, man würde mich anhupen oder wütend auf mich werden, weil ich es nicht richtig hinbekam. Lange Zeit vermied ich das Autofahren ganz und war froh, daß mich meine Eltern gefahren haben. Nach reichlich Übungsstunden und nachdem ich schon völlig verzweifelt war, habe ich endlich meinen Führerschein bekommen. Noch heute muß ich mich beim Fahren sehr konzentrieren und kann beim Fahren normalerweise nebenher nichts anderes tun. Ich denke immer noch daran, welche Mühe ich mit den Schritten Fahrspurwechsel, Bremsen und Gas geben hatte. Die Leute sagen mir immer noch, ich sei keine besonders gute Fahrerin.

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Menschen mit Asperger Syndrom zeigen oft ähnliche Schwierigkeiten bei der motorischen Planung. Das bringt sie oft dazu, neuen motorischen Aufgaben oder Herausforderungen aus dem Weg zu gehen oder große Angst vor neuen und unbekannten Situationen zu haben. Sie reagieren dann oft, indem sie die Situation zu kontrollieren versuchen, und halten dann oft sehr starr an ihrer Planung fest. Wenn es zu unerwarteten Veränderungen kommt, führt das oft dazu, daß dies denjenigen aufregt, weil er nicht das richtige Feedback bekommen hat, um die Dinge auf natürliche Weise hinzubekommen. Oft geben Menschen mit Asperger Syndrom es auf, Aktivitäten zu unternehmen, die komplexere motorische Aufgaben erfordern, und daher bekommen sie auch nicht das Feedback, daß sie so dringend benötigen. Ich hoffe, Sie sehen an diesem Beispiel, wie kompliziert motorische Planung für manche Menschen ist, die diese schwierig finden, und wie viele von uns die Leichtigkeit, mit der wir komplexe Aufgaben wie das Anziehen, Erledigen von Aufgaben, das Fahren als selbstverständlich ansehen. Tony Attwood spricht von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die Schwierigkeiten haben bei der Fortbewegung, dem Ballspiel, dem Gleichgewicht, der Rechtshändigkeit, der Handschrift, schnellwechselnden Bewegungen der Hände und Füße, schwachen Gelenken und einem schlechten Rhythmusgefühl. All diese Punkte sind ein Teil oder ein Produkt motorischer Planung.

Bilaterale Integration und Sequenzierung

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Von klein auf lernen wir, unseren Körper und unsere Glieder zunächst gemeinsam, dann jedes für sich, als sich getrennt voneinander bewegende Teile zu gebrauchen. Wenn ein Baby geboren wird, neigt es dazu, seinen Körper als Ganzes zu benutzen. Beispielsweise wird nicht ein Bein für sich angehoben, sondern, wenn man das Baby hochhebt, bewegen sich die Beine gemeinsam. Es werden auch beide Hände zum Mund geführt und nicht bloß eine. Der Kopf bewegt sich meist zusammen mit dem Rumpf in die Richtung, in die dieser sich bewegt. Sehr bald aber beginnt ein Baby damit, den Körper in sich getrennt voneinander bewegende und arbeitende Teile zu trennen. Der Kopf bewegt sich unabhängig vom Rumpf, und die Augen können sich nun nach links und rechts, oben und unten bewegen, ohne daß sich der Kopf jedes Mal mitbewegt. Es wird entweder mit der einen oder der anderen Hand nach etwas gegriffen, und wenn es sich daran macht zu rollen, wird eines der beiden Beine hochgehoben. Schließlich fängt das Baby an, seine Hände und seine Beine auszustrecken, wenn es auf dem Bauch liegt, und es fängt dann an, "Schwimmbewegungen" zu machen, erst mit beiden Armen gemeinsam und mit beiden Beinen gemeinsam und dann jeweils getrennt voneinander. Dann gehen sie auf allen Vieren und schaukeln vor und zurück, bevor sie anfangen, sich abwechselnd mit Armen und Beinen wie beim Kraulen zu bewegen. So entwickelt sich bilaterale Integration! Das wird besonders dann wichtig, wenn das Kind wächst und sich entwickelt. Es hilft ihm, Rhythmus in seine Bewegungen zu bekommen, den einen Teil des Körpers stabil zu halten, während der andere sich bewegt (wie es dann auch für das Schreiben, für feinmotorische und für grobmotorische Aufgaben nötig ist), den Körper zum Gehen abwechselnd zu bewegen, zu schwimmen oder Sport zu treiben und grobmotorische Aktivitäten auszuführen und auch, sich sicher, problemlos und effektiv in der Umgebung zu bewegen.

Haltungskontrolle und -stabilität

Die Haltungskontrolle und -stabilität beginnt sich bereits im Mutterleib zu entwickeln. Der Fötus dehnt die einen Muskeln und zieht die anderen zusammen, dreht sich herum und schlägt mit Armen und Beinen um sich. Das alles passiert ohne den Faktor Gravitation. Wenn das Baby geboren wird, muß es sich gegen die Wirkung der Gravitation bewegen. Wenn es sich richtig entwickelt, arbeiten die Bauch- und Rückenmuskeln synchron zusammen und verhelfen demjenigen dazu, daß er sicher stehen, sitzen und sich umherbewegen kann.

Eine gute Haltungskontrolle und -stabilität erlaubt es uns, längere Zeit aufrecht auf dem Stuhl zu sitzen, uns beim Hinfallen zu schützen oder grobmotorische Aktivitäten auszuführen, sowie unseren Körper automatisch in eine aufrechte Lage zu bringen, wenn wir auf einem sich bewegenden Untergrund schwanken. Eine funktionierende Haltungskontrolle ermöglicht uns auch, feinmotorische Fähigkeiten zu entwickeln. Denken Sie nur einmal an die Schwierigkeiten, denen sich Kinder und Jugendliche mit Asperger Syndrom gegenübersehen, wenn sie eine aufrechte Sitzhaltung aufrechterhalten sollen, während sie eine feinmotorische Arbeit erledigen, essen oder zuhören. Sie tun sich oft schwer, still auf dem Stuhl zu sitzen, rutschen hin und her oder stehen auf, um sich etwas zu bewegen. Manchmal lassen sich Kinder oder Jugendliche mit Asperger Syndrom in den Sitz fallen, oder sie stützen sich auf die Arme, wenn sie gezwungen sind, längere Zeit zu sitzen. Auf dem Spielplatz erscheinen sie manchmal schwächer als andere gleichaltrige Kinder, und sie geraten schneller außer Atem bei grobmotorischen Aktivitäten.

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Entwicklung feinmotorischer Fähigkeiten

Eine gute Entwicklung der feinmotorischen Fähigkeiten erlaubt es uns, die kleinen Muskeln unserer Hand zur Bearbeitung verschiedener Objekte, egal ob kleiner oder großer, zu benutzen. Dies geschieht, nachdem wir eine stabile Sitz-, Schulter- und Armhaltung aufrechterhalten können. Es ermöglicht uns, daß wir uns anziehen, Behälter öffnen, kleine Objekte aufnehmen und ablegen, verschiedene Projekte entwickeln, mit Scheren schneiden und Besteck und Stifte benutzen können. Viele Kinder mit Asperger Syndrom vermeiden feinmotorische Aktivitäten oder erleben diese als schwere Herausforderungen. Sie finden es manchmal schwer, Knöpfe zuzuknöpfen, Reißverschlüsse zuzuschließen und Besteck oder Stifte richtig in der Hand zu halten. Das kann sich auf verschiedene Fähigkeiten auswirken, unter anderem auf das Anziehen, das Essen, die soziale Etikette und das Vorankommen in Schule und Hochschule.

Visuelle Wahrnehmung/Visuell-motorische Integration

Wenn unsere Augen den sensorischen Input richtig wahrnehmen, können wir dessen Größe, Form, Farbe etc. erkennen. Wir können Objekte finden, die sich versteckt im Hintergrund befinden, ein Lebensmittelgeschäft etwa, wir können bestimmen, wie weit ein Objekt von einem anderen entfernt ist, wir können sehen, wie verschiedene Teile zusammen ein Ganzes bilden, wir können beim Auto- oder Radfahren Dinge am Rand unseres Blickfelds erkennen und uns gleichzeitig auf Objekte im Fahrtrichtung konzentrieren. Wenn wir dies mit den motorischen Fähigkeiten kombinieren, ist das Ergebnis die visuell-motorische Integration. Diese ist wichtig für die Entwicklung der Schreibfähigkeiten, der Auge-Hand-Koordination und der sicheren Bewegung durch den Raum, sowohl auf den eigenen Füßen als auch auf dem Fahrrad, im Scooter oder im Auto etc. Kinder und Jugendliche mit Asperger Syndrom gelten als hoch-visuelle Menschen, das heißt, daß sie von visuellen Reizen und Aktivitäten angezogen werden und bei diesen Aktivitäten normalerweise auch sehr erfolgreich sind. Sie tun sich allerdings schwerer bei visuell-motorischen Integrationsaufgaben wie Zeichnen, etwas Nachmalen und Schreiben. Das kann zu Frustration und zu Schwierigkeiten führen, da die Anforderungen und auch die Erwartungen im Lauf der Schulausbildung immer weiter ansteigen.

Kenneth Hall, ein junger Mann mit Asperger Syndrom, schreibt dazu: "Eine der Sachen, die mir Schwierigkeiten machten, war, wenn ich mich geweigert hatte, per Hand zu schreiben. Das hat für Probleme gesorgt bis ich neun war. ... Ich hasse das Schreiben immer noch. Es ist meistens langweilig und sinnlos, andererseits gilt das genauso für eine Menge andrer Sachen, von denen die Erwachsenen wollen, daß Kinder sie tun sollen" (S. 20). (4)

Beispiele für Handschriften:

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Schauen Sie sich bitte die folgende Tabelle an, die aus K. Williams Buch "Understanding the Student with Asperger's Syndrome" übernommen worden ist. Klicken Sie auf den entsprechenden Link für die Microsoft-Word-Version oder die Adobe Acrobat (PDF)-Version. Wenn Sie das PDF-Format wählen, benötigen Sie den kostenlosen Acrobat Reader von Adobe.

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Jetzt, da wir die verschiedenen sensorischen Systeme kennen und auch das Ergebnis guter sensorischer Integrationsfähigkeiten, können wir den Interventionsprozeß für Kinder und Erwachsene, die Schwierigkeiten bei der Verarbeitung sensorischer Informationen haben, besprechen.

Ansätze für die Intervention

Als Ergotherapeuten schauen wir vor allen Dingen auf die allgemeine Funktionsfähigkeit einer Person in ihrem Alltag. Wir schauen darauf, wie sie durch die Herausforderungen in ihrem Leben beeinflußt wird und wie wir ihr helfen können, ein hohes Maß an Unabhängigkeit bei den Aktivitäten ihres Alltags und im Beruf zu gewinnen. Die Intervention richtet sich darauf, dem Betroffenen zu helfen, seine Ziele, oder die Ziele der Eltern zu erreichen: mehr Unabhängigkeit und in den verschiedenen Umgebungen besser zu funktionieren. Nach den bisherigen Informationen in diesem Modul und in Modul I und II ist es offensichtlich, daß eine solche Person mit Asperger Syndrom recht ernsthafte Schwierigkeiten mit der sensorischen Integration erleben kann, die ihr Maß an Unabhängigkeit und ihre Funktionsfähigkeit im Leben negativ beeinflussen. Wenn wir von Intervention bei sensorischer Integration sprechen, ist es wichtig, daß wir dabei daran denken, daß wir von einer ergotherapeutischen Intervention mit der Betonung und Konzentration auf der Theorie und den Interventionsprinzipien der sensorischen Integration sprechen.

Die auf der Ergotherapie beruhende sensorische Integration beinhaltet normalerweise eine direkte 1:1-Intervention, mit einer Vielzahl sensorischer Modalitäten, Eltern- und Patientenaufklärung in bezug auf sensorische Integration und darauf, wie die Fehlfunktion der sensorischen Integration ihr Leben beeinflußt, und schließlich die Formulierung einer "sensorischen Kost" zusammen mit einem Programm für Aktivitäten des Patienten, die er zu Hause oder in der Schule absolvieren kann. Die Aktivitäten der sensorischen Kost folgen einer Routine und einem regelmäßigen Ablauf im Tagesablauf des Betroffenen, ganz ähnlich wie bei einem Diätprogramm. Bei einer Diät ißt eine Person drei Mahlzeiten am Tag und dazwischen, wenn er Hunger hat, kleinere Snacks. Bei der sensorischen Kost benutzt der Betroffene über den Tag sensorische Aktivitäten, zum Beispiel springen, in große Stapel Matratzen stoßen, schwere Objekte bewegen und tragen etc., um dem Nervensysten dabei zu helfen, einen organisierteren und angenehmeren Zustand zu erreichen. Es ist wichtig, daß der Betroffene/die Eltern/Lehrer oder andere Pflege- und Erziehungskräfte Aktivitäten der sensorischen Kost unternehmen und Empfehlungen für zu Hause aussprechen, damit der Fortschritt des Kindes bei der Intervention gewahrt wird und dem Betroffenen geholfen werden kann, gute Problembewältigungsstrategien und Hilfsmittel zum besseren Umgang mit der Umwelt im Alltag zu entwickeln. Damit ist sichergestellt, daß die Intervention auch in anderen Umgebungen als der Klinik, der Schule oder dem Krankenhaus greift, und es hilft dabei, den sensorischen Input, den der Betroffene durch die direkte Intervention erfährt, zu verstärken. Mehr Informationen zur sensorischen Kost erhalten Sie, wenn Sie auf die Seite www.alertprogram.com gehen und dort unter "How Does Your Engine Run? A Leader's Guide to the Alert Program for Self-Regulation" (Wie läuft Ihre Maschine? Ein kleiner Führer durch das Alert-Programm zur Selbstregulation) schauen. Das ist eine erstklassige Quelle, die Eltern, Lehrern und Kindern dabei hilft, mehr über Organisationsstrategien und die Planung der sensorischen Ernährung zu erfahren.

Wenn wir über Intervention bei sensorischer Integration reden, müssen wir auch über direkte Intervention, Eltern- und Betroffenenaufklärung, Programme für zu Hause und die Planung der sensorischen Kost sprechen. Folgen wir nun einer Betroffenen mit Asperger Syndrom durch den Interventionsprozeß, um eine bessere Vorstellung davon zu bekommen, worum es bei der Intervention bei sensorischer Integration geht.


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