Ergotherapie


Eine professionelle und persönliche Sicht auf Ergotherapie in der Schule und in einer privaten Praxis

Peggy Tryon

Als Eltern und Therapeuten sind wir oft an Diskussionen und Fragestellungen in bezug auf Ergo-Leistungen, die Kinder in einer privaten Klinik erhalten, beteiligt. Ich bin mit Fragen aus verschiedenen Perspektiven konfrontiert worden: als Ergotherapeutin, die bei der OTA arbeitet und auch als Elternteil einer Tochter mit besonderen Bedürfnissen, die Ergo-Leistungen in der Schule und an der OTA erhält. Ich möchte einige meiner professionellen und meiner persönlichen Ansichten und Erfahrungen aus beiden Perspektiven mit Ihnen teilen. Diese Fragen beinhalten viele komplexe Komponenten. Ich möchte kurz ein paar dieser Bereiche anschneiden.

Rolle der Schulergotherapie

In der Schule ist der Ergotherapeut hauptsächlich mit der Fähigkeit der Kinder befaßt, in ihrer Rolle als Schüler zu funktionieren. Gemäß dem IDEA-Gesetz ist die Ergotherapie eine ausbildungsbezogene Leistung für Kinder und Jugendliche der Altersklassen 3 - 21, und sie soll dem Schüler ermöglichen, von einer besonderen Schulausbildung zu profitieren. Schuleigene Beurteilungen von Ergotherapeuten zielen darauf, daß sich das Kind an seine Schulumgebung anpaßt, und der Bedarf an einer ET als einer ausbildungsbezogenen Leistung wird durch das Ausbildungsteam bestimmt.

Da der Ergotherapeut innerhalb der Schule arbeitet, hat er die einzigartige Gelegenheit, das Kind in seinem natürlichen Umfeld zu beobachten - dem Klassenraum, dem Pausenhof, dem Essensraum etc. Der Schultherapeut ist in der Lage zu überblicken, was alles die Umwelt des Kindes ausmacht, er kann beobachten, welche Hilfen und welche Beschränkungen es gibt, die Einfluß auf die Leistung des Kindes haben. Es ist wichtig zu betonen, daß das vorrangige Ziel in der Schule ist, die Fähigkeit des Kindes zu fördern, in seiner Rolle als Schüler funktionieren zu können. Obwohl die ET in der Schule und die ET in der Klinik ähnliche Ziele haben, sind die Methoden, diese Ziele zu erreichen, doch teilweise unterschiedlich. Je nach dem Schulsystem und der vorhandenen Ausstattung können einige der schuleigenen ETen die Kinder auch außerhalb des Klassenraums beobachten. Sie können eine ganze Reihe von Aktivitäten nutzen, darunter solche, bei denen der ganze Körper des Kindes in Bewegung ist, und dabei Geräte verwenden wie bestimmte Schaukeln, Medizinbälle oder Scooter-Spiele, um die Fähigkeiten zu verbessern, wenn entschieden worden ist, daß Bedarf für diese Art der Intervention besteht.

Die schuleigene BT wird sich aber immer sehr stark auf solche Anpassungen und Aktivitäten konzentrieren, die genutzt werden können, um die Leistung des Kindes in der Klasse zu fördern.

Ich habe in den letzten zehn Jahren als Ergotherapeutin in einer öffentlichen Schule gearbeitet. Ich glaube, daß meine Fähigkeit, das Klassenzimmer des Kindes oder andere Umgebungen in der Schule, den Lehrstil des Lehrers und dessen Angewohnheiten zu bewerten und zu verstehen, mir eine einzigartige Gelegenheit bietet, meine Fähigkeiten als Ergotherapeutin einzusetzen. Die Verwendung des Konzepts einer "sensorischen Ernährung" ist ein wichtiges Mittel für einen schuleigenen Ergotherapeuten. Dieser Begriff bezeichnet die Bereitstellung des erforderlichen Maßes und der erforderlichen Häufigkeit sensorischen Inputs für einen Betroffenen, um für diesen ein Optimum an Wachsamkeit und an Aufmerksamkeit für geforderte Leistungen zu erreichen und aufrechtzuerhalten (P. und J.L. Wilbarger, 1991). Ich habe mein Wissen über die sensorische Integration oft genutzt, um die sensorischen Bedürfnisse des Kindes in Aktivitäten oder Veränderungen des Umfeldes, die zum Alltag einer Schule gehören, mit einzubeziehen.

Manchmal glaube ich, daß ein Kind mehr direkte Behandlung benötigt, einschließlich Zeit außerhalb des Klassenraums, zusätzlich zu den Gesprächen im Klassenraum. Das ist besonders von Bedeutung, wenn ein Bedarf an der Entwicklung grundlegender Fähigkeiten für Leistungen in der Klasse besteht und die erforderliche Intervention nicht im Umfeld der Klasse erfolgen kann. Weil ich mich auf die Fähigkeiten des Kindes konzentriere, die für die Schule benötigt werden und auf die Beeinträchtigungen in der physischen Umgebung, glaube ich, daß man meine direkte Behandlung im schulischen Umfeld besser als das Verwenden von Prinzipien der sensorischen Integration beschreiben könnte und weniger als eine reine sensorische Integrations-Behandlung. Als Fachpsychologin schlage ich manchmal, wenn das Kind einen entsprechenden Bedarf hat, den Eltern auch vor, zusätzliche ET-Leistungen außerhalb des schulischen Kontextes anzunehmen.

Rolle der Ergotherapie in einer Privatklinik

Ich habe bei OTA in den letzten drei Jahren halbtags gearbeitet. Die ET in einer klinischen Umgebung arbeitet an solchen Zielen, die auf eine Reihe von Rollen zielt, die das Kind in verschiedenen Umgebungen übernimmt. Zu diesen vielen Rollen gehören die Rolle als Schüler, die Rolle als Familienmitglied, die Rolle als Freund und die Rolle als Mitglied der Gemeinde. In der klinischen Umgebung konzentriert sich die ET vermehrt auf medizinische Bedürfnisse, etwa Schlafstörungen oder Störungen durch verzögerte Sinneswahrnehmung. In einer privaten Klinik hat der/die Therapeutin in der Regel Zugang zu einer umfangreichen Ausstattung, und er/sie verfügt über viel Platz. In einer solchen Umgebung kann der/die Therapeut/in eine größere Vielfalt und Intensität an sensorischem Input bieten als das in einem Raum in der Schule möglich wäre. Die Klinikumgebung bietet eine einzigartige Gelegenheit, die Arten der sensorischen Erfahrung zu untersuchen, die ein Kind auswählt, und einzuschätzen, welche sensorischen Inputs für die Organisation des Kindes am dienlichsten sind. Behandlungsinterventionen zielen auf die Bedürfnisse des Nervensystems des Kindes, wobei man für die Zukunft das Ziel hat, die Art und Weise zu verändern, in der das Nervensystem auf eingehende Reize reagiert, um so verbesserte adaptive Reaktionen zu erreichen.

In der klinischen Umgebung richtet sich die Beurteilung mehr auf das diagnostische Ziel, die zugrundeliegenden Ursachen für die Schwierigkeiten des Kindes zu verstehen. In beiden Umgebungen werden Behandlungen und Ziele gemeinsam mit der Familie entwickelt, wobei man die funktionalen Bedürfnisse des Kindes im Alltag in Betracht zieht. Die Ziele konzentrieren sich darauf, die motorischen, verhaltensmäßigen, sozialen und emotionalen Reaktionen in zahlreichen Umgebungen, die für dieses spezielle Kind und seine Familie von Bedeutung sind, zu beeinflussen.

Die Flexibilität der Klinikumgebung, mit der Möglichkeit einer sicheren Untersuchung, erlaubt eine individualisierte Intervention und bietet dem Kind die Freiheit, diejenigen Aktivitäten auszuwählen, die am besten zu seinen besonderen sensorischen Bedürfnissen passen. Wegen des individuelleren Ansatzes wird die therapeutische Beziehung zwischen Kind und Therapeut/in zu einem wichtigen Teil des Behandlungsprozesses.

In der klinischen Umgebung schätze ich den dauernden Kontakt, den ich mit den Eltern haben kann, die oft an verschiedenen Ereignissen oder Sorgen, die mit dem Behandlungsprozeß zusammenhängen, teilnehmen. Außerdem glaube ich, daß es wichtig ist, sich mit dem schuleigenen Ergotherapeuten auszutauschen, was die Leistung des Kindes in der Schule angeht, und gemeinsam Vorschläge für das Umfeld bei Problemen der sensorischen Integration zu koordinieren.

Die Sichtweise der Eltern

Als Elternteil einer Tochter mit besonderen Bedürfnissen war ich vor viele Entscheidungen gestellt, wie man diesen Bedürfnissen meines Kindes in bezug auf Therapieleistungen am besten gerecht werden konnte. Diese Entscheidungen stellen einen fortdauernden Prozeß dar. Meine Entscheidungen und meine Überlegungen können sich von denen anderer unterscheiden. Ich denke, es gibt da keine allgemein gültigen richtigen oder falschen Antworten. Jede Situation ist in vielerlei Hinsicht einzigartig, ob es um die Bedürfnisse des Kindes geht, um die der Familie oder um die Sicht des Schulsystems.

Rosie, die beinahe fünf Jahre alt ist, erhält derzeit eine Ergo-, eine Physio- und eine Sprachtherapie im Rahmen des Programmes ihrer öffentlichen Schule. Ihre Therapeuten stellen Leistungen für ihre Bedürfnisse bereit, sowohl in der Klasse als auch auf individueller Basis. Ich möchte die starke Wirkung betonen, die Rosies Schultherapeut auf ihre Fähigkeiten und ihre funktionalen Leistungen in der Schule hatte. Sie waren diejenigen Fachkräfte, die mir die Erfolge und die Stärken, die sie in ihrer Klasse und mit ihren Klassenkameraden zu leisten im Stande ist, aufgezeigt haben. Sie haben ihre Entwicklung in vielen Bereichen gefördert, damit sie als Vorschülerin erfolgreich sein konnte.

Rosie hat Schwierigkeiten, wenn es um die Wahrnehmungsverarbeitung geht, was sich auf viele Bereiche ihres Alltagslebens auswirkt. Obwohl Rosie einiges an Behandlung mit dem Schwerpunkt der sensorischen Integration durch die Schule erhalten konnte, wollte ich für sie noch eine zusätzliche Behandlung erreichen. Ich wollte, daß sie eine private ET bekam, die ihr eine intensive sensorische Integrationsbehandlung bieten würde. Es gibt Bereiche außerhalb ihrer schulischen Leistungen, in denen ich eine Veränderung erreichen wollte. Vor kurzem habe ich die Entscheidung getroffen, ihr eine sensorische Integrationsbehandlung beim OTA zu ermöglichen und einen Teil der dafür erforderlichen Kosten selbst zu tragen. Mittels dieser Leistung wollte ich ein besseres Verständnis von Rosies sensorischem Profil entwickeln sowie Unterstützung zu bekommen, damit ich erkennen konnte, wie ich ihre Leistung am besten fördern konnte. Außerdem glaube ich, daß das OTA eine Umgebung bietet, die Rosie einen intensiven sensorischen Input sowie eine Vielzahl von Erfahrungen bieten kann, damit ihre motorische Entwicklung und die Entwicklung ihrer praktischen Fähigkeiten gefördert werden kann.

Es gibt viele Faktoren, die bei der Entscheidung, wie man am besten einen Therapieplan entwickelt, zu berücksichtigen sind. Die Unterscheidung, welche Leistungen die Schule anbieten kann und welche eine private Umgebung, kann für den Therapeuten und für die Eltern verwirrend und schwierig sein. Ich denke, es ist wichtig, sich für die Bedürfnisse unseres Kindes einzusetzen, und manchmal müssen wir auch einige Verantwortung für die Leistungen übernehmen, indem man die Krankenkasse in Anspruch nimmt und/oder privat bezahlt.

Die Kommunikation zwischen mir und den Fachpsychologen, die mit Rosie zu tun hatten, war ein wichtiges Mittel, um ihren Bedürfnissen gerecht zu werden. Ich habe versucht, ihnen meine eigenen Sorgen zu vermitteln, und habe von den Fachleuten, die mit Rosie arbeiten, ein entsprechendes Feedback bekommen. Als Elternteil habe ich, glaube ich, die Verantwortung, die Kommunikation der Therapeuten untereinander, die mit Rosie arbeiten, zu fördern sowie sie beim Dialog zwischen privaten und schuleigenen Fachkräften zu unterstützen. Auch wenn es einiges an Anstrengung und Energie erfordert, sie bei der Koordination der Leistungen für Rosie zu unterstützen, glaube ich, daß dies die Intervention, die Rosie erhält, verbessert und daß dies für unsere Familie von Vorteil ist. Das Konzept der sensorischen Ernährung ist eine wichtige Verbindung zwischen den Therapien der Schule und denen der Klinik, und es kann dabei helfen, die Therapien zu koordinieren und die Behandlungsinterventionen täglich bis in den Klassenraum und nach Hause zu tragen.

Dadurch, daß ich in der jeweiligen Umgebung gearbeitet habe, also in der Klinik und in der Schule, konnte ich die Unterschiede und die Stärken jeder der beiden Umgebungen gut einschätzen. Als Therapeut/in muß man die Situation jeder einzelnen Familie verstehen und auch die Komplexität der Entscheidungen, vor denen sie steht. Ich glaube, wichtig ist, daß man als Eltern, Erzieher/in und Therapeut/in miteinander kommunizieren und das Fachwissen respektieren muß, daß jeder mitbringt, damit man unsere Kindern verstehen und ihnen dabei helfen kann, die bestmögliche Leistung zu erbringen.


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