Starke Aspies


Zugegeben. Es ist nicht einfach. Und jede/r erlebt es auch wieder anders. Die einen sind froh, daß sie endlich wissen, warum sie so sind. Welchen Namen dieses "Ding" in ihrem Leben hat. Andere geraten aus dem Gleichgewicht, wenn sie von der (möglichen) Diagnose erfahren. Es kann wie ein Urteil klingen: lebenslänglich. Denn das Asperger Syndrom ist nicht heil- oder abschaffbar.

Die Diagnosekriterien tun ein weiteres. AS ist über Defizite definiert. Als betroffener Mensch versteht man schnell: mir fehlt dieses und jenes, ich kann dies und das nicht. Das Asperger Syndrom als Negativmerkmal eines Menschen. Und am liebsten wäre man es los, wenn man könnte... .

Obwohl. Wenn man so allein in seinem Zimmer sitzt und mit sich zufrieden am eigenen Spezialinteresse hockt, dann ist man nicht mehr sicher. Ist man doch okay, wie man ist, solange nicht andere hineinfunken. Und würde man überhaupt anders sein wollen? So komisch wie die meisten anderen Menschen? Immerhin sind die wirklich komisch. Reden langweilig und oberflächlich daher. Lügen andere an, sind nicht ehrlich. Können auch nicht lange genug an einer Aufgabe sitzen. Wenn ich also eine Weile darüber nachdenke - will ich wirklich so sein wie die anderen? - dann erkenne ich, daß das Asperger Syndrom auch seine Vorzüge hat.

Sicher, die Vorzüge sind erstens nicht so schnell zu entdecken (vor allem nicht, wenn die Umwelt einem nur einen Negativspiegel vorhält) und zweitens auch nicht immer mit Bewunderung durch die Umwelt verbunden. Doch wer bestimmt, ob die Umwelt recht hat? Wer sagt, daß Kommunikation über Mimik und Gestik laufen muß, daß dazu Floskeln und oberflächlicher Small Talk gehören? Ist es nicht eine Mehrheit, die das kann, die es bestimmt? Doch ist diese Form von menschlichem Miteinander objektiv gesehen die einzig richtige und alles andere krank und behindert?

Es ist nicht die Sache an sich, die bestimmt, sondern die Zuschreibungen unserer Umwelt. Doch diese müssen weder richtig noch wahr sein. Wenn wir unsere Flora und Fauna anschauen, dann können wir nur staunen. All die vielen verschiedenen Pflanzen und Tiere, die es gibt. Da gibt es schöne, bunte tropische Fische, mehr unscheinbare Fische in unseren Breitengraden, Lebewesen, die in den Tiefen des Meeres leben, wo fast oder gar kein Licht mehr hindringt - man könnte die Liste noch lange fortsetzen. Viele Menschen finden die bunten, tropischen ganz toll, andere mögen es eher unscheinbar. Doch keine dieser Fischarten ist in sich besser oder schlechter als andere. Die Geschmäcker und Zuschreibungen von uns Menschen machen den Unterschied.

Ich persönlich bin überzeugt: das Wesen, das die Erde mit all ihrer Vielfalt ins Leben gerufen hat, mag alle Geschöpfe genau gleich viel. Die bunten wie die unscheinbaren, die in der Tiefe des Meeres genauso wie die in unseren Binnengewässern. Jedes hat seine eigene Aufgabe, und jedes ist wichtig. Wie schade wäre es, wenn alle sich sehr ähnlich oder gar gleich wären!

Menschen mit Asperger Syndrom sind nicht weniger wert oder "schlechter" als Menschen ohne autistische Behinderung. Wenn die Umwelt uns glauben machen will oder solche Eindrücke vermittelt, daß wir "komisch", "unnütz", "behindert" und was auch immer sind: es stimmt nicht. Wir sind nur anders. Wir sind nicht dieselbe Sorte Fisch, doch das müssen wir auch gar nicht sein. Was wäre die Welt ohne uns? Langweilig!

Ich möchte dir Mut machen. Wir Menschen mit Asperger Syndrom sind starke Leute. Die Gesellschaft braucht uns, auch wenn sie es manchmal nicht versteht. Wir können unsere Stärken einbringen. Auf uns ist Verlaß, wir sind aufrichtig, verstricken uns weniger in Lebenslügen als andere, wir ziehen unsere Arbeit durch, lassen uns nicht von Small Talk ablenken, wir interessieren uns oft für Dinge, für die sich andere nicht interessieren, die aber auch wichtig sind. Manche Leute sprechen uns das Einfühlungsvermögen, die Empathie, ab, aber das stimmt so nicht. Wir können uns mit unserem intellektuellem Verstand durchaus für andere interessieren und uns einsetzen. Wir sind äußerst sparsam mit Umarmungen und anderen Ausdrücken von Empathie, doch wie oft sind solche Ausdrücke normaler Menschen nicht schlichtweg gelogen? Sie wollen uns glauben machen, daß sie uns mögen - wenn wir Hilfe benötigen, lassen sie uns jedoch im Stich. Wir sind anders. Wenn wir uns für jemand interessieren, dann ist das Interesse echt. Und ist es nicht ehrlicher, lieber kein Interesse zu zeigen, wenn auch keines vorhanden ist?

Kurz gesagt: Aspies sind anders. Und das ist gut so. Ich wünsche dir, daß du all die positiven Asperger-Züge in deinem Leben entdeckst und wertschätzen lernst. Und vergiß auch nicht: die seltenen Arten sind die kostbarsten! Wir sind nicht mehr wert als andere, aber wir sind besonders kostbar. Denn uns gibt's nicht so oft. Du und ich - wir sind wie Gold. Oder wie Adler. Etwas ganz Besonderes.


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