Reaktionen


Die Reaktionen auf die Diagnose "Asperger Syndrom" fallen normalerweise verschieden aus. Manche verleugnen die Diagnose, andere empfinden sie als Erleichterung, wieder andere als eine Art "Fluch".

Es ist nicht ungewöhnlich, daß sich all diese Reaktionen in ein- und derselben Person wiederfinden, manchmal auch zeitlich hintereinander. Das gehört zu einem Verarbeitungsprozeß, den jeder nach der Diagnose durchzumachen hat.

Bei Kindern kommt es oft vor, daß sie mit der Diagnose erstmal nicht soviel anfangen können und sie ignorieren. Wenn sie älter werden, häufig im frühen Erwachsenenalter, beginnen sie sich dann zu interessieren, was diese Diagnose überhaupt aussagt. Andere Kinder lernen es schon früh, damit umzugehen und darüber zu reden. Man sollte es dem Kind überlassen, ob und wann es darüber reden möchte. Wichtig ist jedoch, Fragen des Kindes nicht zu übersehen bzw. -hören, sondern ernstzunehmen. Das Kind sollte mit der Diagnose und seinen Empfindungen dazu nicht alleingelassen werden.

Erwachsene sind selbst dafür verantwortlich, wie sie mit einer Diagnose umgehen. Doch sollte man ihnen auf jeden Fall Zeit geben. Zeit braucht man, um die Diagnose zu verarbeiten, damit umgehen zu lernen, die Konsequenzen zu betrachten usw. Manchmal wünschen sich Angehörige eine andere Reaktion des oder der Betroffenen. Trotzdem sollten sie die erwachsene Person in Ruhe den eigenen Weg finden lassen.

Nicht selten kommt es zu folgenden Empfindungen: zunächst Erleichterung darüber, daß das Anderssein einen Grund hat und es andere Menschen gibt, die dasselbe haben. Dann Wut oder Verzweiflung, daß die Diagnose etwas Endgültiges hat und die Folgen - also die damit verbundenen Defizite - ein Leben lang bestehen bleiben. Schließlich Akzeptanz des eigenen Andersseins.

Auch Eltern machen oft einen ähnlichen Prozeß durch. Trauer, Wut, Verzweiflung, Freude, Annahme - es gehört alles zu dem Weg, den viele gehen, um mit einer Diagnose wie Asperger Syndrom umzugehen. Und oft muß man es alles durchleben, um den eigenen Weg zu finden. Es hilft dann nichts, wenn man sich sagt: "Du solltest aber...". Besser ist, sich den Weg durch die Emotionen hindurch zu bahnen, bis man an den Punkt gekommen ist, daß man sich selbst mit dieser Diagnose (bzw. das eigene Kind mit der Diagnose) vollständig akzeptieren kann. Das bedeutet, daß man sich selbst mit den entsprechenden Stärken und Schwächen annimmt.

Auch wenn manche Leute einen glauben machen wollen, es sei besonders "cool", autistisch zu sein, ist es doch für viele - wenn sie ehrlich darüber nachdenken - eine besondere Herausforderung. Die meisten Erwachsenen mit AS haben z.B. Probleme, einen Arbeitsplatz auf dem ersten Arbeitsmarkt zu bekommen. So stellen sie sich Fragen wie "Wäre es nicht einfacher für mich, beruflich vorwärts zu kommen, wenn ich das Asperger Syndrom nicht hätte?" Oder man hätte gern ein paar Freunde, hat aber Schwierigkeiten, welche zu finden: "Ich hätte bestimmt mehr Freunde ohne AS." Auf der anderen Seite sieht man dann die Stärken, die mit dem Asperger Syndrom zusammenhängen und sagt sich: "Nein, ohne AS wollte ich doch nicht leben."

All diese Gedanken sind normal und helfen, schließlich zu einer Akzeptanz zu gelangen, ohne die es kaum möglich ist, ein gesundes Selbstbewußtsein zu entwickeln, das sich weder minderwertig fühlt noch für etwas Besseres hält. Auf der Basis einer solchen Selbstakzeptanz kann man auch erst vernünftig entscheiden, welche Folgen die Diagnose für einen selbst haben soll, ob man z.B. fremde Hilfe annimmt, um selbständig leben zu können, oder ob man eine Therapie machen möchte und wenn ja, welche.


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