Erfahrungen


Erwachsene, die bei sich das Asperger Syndrom vermuten, aber auch die Eltern betroffener Kinder machen ganz unterschiedliche Erfahrungen, wenn sie um eine Diagnose bemüht sind. Nicht immer wird man von den Fachleuten, denen man sich anvertraut, ernstgenommen. Andere finden auf Anhieb den richtigen Ansprechpartner.

Fachleute sind nicht gleich Fachleute. Und das Asperger Syndrom ist nicht gleich dem Asperger Syndrom. Hört sich kompliziert hat, ist es aber nicht. Wie in vielen Lebensbereichen streiten sich die sogenannten Fachleute über Inhalte des Fachgebiets. Wer Aussagen allgemein bekannter und anerkannter Fachleute wie Tony Attwood (Australien), Christopher Gillberg (Schweden) und Simon Baron-Cohen (Großbritannien) vergleicht, wird bald feststellen, daß sie nicht in allen Punkten derselben Meinung sind. Das Ganze gilt umso mehr, wenn man deutsche Fachleute mit ausländischen vergleicht, da es gerade auch in Deutschland umstrittene Ansichten gibt - die aber wiederum nicht jede/r auch vertritt...

Wie schon unter den Diagnosekriterien festgestellt, gibt es auch keinen einheitlichen Maßstab für die Diagnostik des Asperger Syndroms. Während der eine vielleicht AS diagnostiziert, hält ein anderer es für hochfunktionierenden Autismus, wieder ein anderer für PDD-NOS (nicht näher bezeichnete Entwicklungsstörung) und noch ein anderer für einen "Spleen" oder "Spinnerei" des Patienten. Oder für noch etwas ganz anderes.

Woran erkennt man dann, ob man der Fachfrau oder dem Fachmann vertrauen kann, die oder den man sich für die Diagnostik ausgesucht hat? Das wichtigste ist, daß man sich mit seinem Anliegen ernstgenommen fühlt. Das heißt nicht, daß der Arzt oder die Ärztin einem unbedingt die Diagnose stellen soll - weil man sie unbedingt haben will. Das ist sicherlich ein falscher Ansatz. Aber man fühlt sich in der Praxis gut aufgehoben, weil das Gegenüber die Probleme, die man vorbringt, ernstnimmt und versucht, den Ursachen auf die Spur zu kommen. Sogenannte Fachleute, die einem nach zwei Minuten Gespräch sagen, daß man garantiert kein Asperger Syndrom habe, sondern spinne, kann man getrost verlassen - und sich eine neue Anlaufstelle suchen. Selbst wenn man kein AS hat, hat man doch ein Recht darauf, mit seinem Anliegen ernstgenommen zu werden - und das kann man nicht innerhalb von zwei oder fünf Minuten.

Gute Fachleute geben auch an, wieweit sie über AS informiert sind. Jemand, der sich nicht so gut auskennt, wird gern an andere Anlaufstellen weiterverweisen oder sich aber fortbilden (alle Fachleute haben mal mit geringem Wissen angefangen...). Es ist also sinnvoll, sich zu informieren, ob der Arzt oder die Ärztin sich in Sachen Autismus und Asperger Syndrom fortbildet oder wenigstens weiß, wohin man sich mit dem Thema wenden kann.

Natürlich sollte man auch selbst auf dem Diagnoseweg ein gewisses Maß an Anstand und Unsicherheit mitbringen. Eine Arztpraxis wütend zu verlassen, weil der Arzt die Diagnose AS nicht schon nach wenigen Minuten ausstellt, sondern erst eine Untersuchung machen möchte, ist sicher nicht der richtige Weg. Ebenso wenig kann man auftauchen und steif und fest behaupten, man habe AS - der Arzt soll es nur noch bestätigen. Selbst wenn man sich sicher oder einigermaßen sicher ist, sollte man sich doch anhören, was das Gegenüber zu sagen hat. Insbesondere dann, wenn es jemand ist, der oder die sich wirklich die Mühe macht, die Probleme zu verstehen und eine ordentliche Diagnostik folgen zu lassen. Und schließlich ist irren menschlich - die Selbstdiagnose kann auch falsch sein. Macht sich die Ärztin oder der Arzt jedoch keine Mühe, die Vermutung, daß man AS haben könnte, ernstzunehmen und zu untersuchen, lohnt es sich nicht, weiter mit ihr oder ihm zu arbeiten.

Bevor man sich auf den Weg macht, sich diagnostizieren zu lassen, sollte man sich auch der Motive klarwerden, warum man die Diagnose sucht. Es ist weder "cool" noch "in", das Asperger Syndrom zu haben. Und es ist auch keine Entschuldigung dafür (auch nicht für diejenigen, die es wirklich haben), sich persönlich nicht weiterzuentwickeln. Wer jedoch Schwierigkeiten hat, mit seinem Leben zurechtzukommen, und Hilfe braucht, sollte sich um eine Diagnostik bemühen. Denn nur mit der Diagnose kommt man an die aspergerspezifischen Therapien und Hilfen (sofern diese angeboten werden), mit denen man als Betroffene/r im Leben weiterkommt.

Klar muß man keine Diagnose haben. Manche sind auch damit zufrieden zu wissen, daß es so etwas wie das Asperger Syndrom gibt und sie sich darin (manchmal auch nur teilweise) wiederfinden. Autismus ist ein Spektrum, das von der Normalität bis hin zu schwerem klassischen Autismus reicht. So befinden sich auch immer Menschen im Übergangsbereich von der Normalität hin zum Asperger Syndrom. Ob Diagnose oder nicht, hängt also meistens vom Schweregrad der Ausprägung und von den persönlichen Problemen im Leben ab. Wer familiär und beruflich in unserer Gesellschaft integriert ist und nur so seine Besonderheiten hat, benötigt eine Diagnose sicherlich viel weniger als jemand, der allein vor sich hin "wurschtelt" und beruflich oder schulisch nichts auf die Reihe bekommt.



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